Ich wollte in die Wüste. Immer schon. Irgendwie hatte ich jahrelang davon geträumt. Und dann, eines Tages fiel mir ein Flyer in die Hände: Zehn Tage zu Fuß durch die Wüste mit Gewaltfreier Kommunikation. Rund 25 Kilometer am Tag, begleitet von Nouaji, vor Ort lebenden Nomaden, schlafen unter freiem Himmel, weit weg von allem, was meinen Alltag normalerweise bestimmt. Da war mir klar: Jetzt war der Moment gekommen, diesen Traum zu verwirklichen.

 

Auf einiges hatte ich mich vorbereitet. Auf anderes konnte ich mich vermutlich gar nicht vorbereiten. Kurz vor der Reise hatte ich mir sogar die Augen operieren und meine Kurzsichtigkeit korrigieren lassen. Ich wollte nachts in den Himmel schauen können, ohne erst nach meiner Brille suchen zu müssen. Und dieser Himmel war tatsächlich so, wie ich ihn mir erträumt hatte: schwarz, unendlich und voller Sternschnuppen. Wir schliefen weit verstreut unter freiem Himmel. Keine Zimmerdecke über dem Kopf, keine Straßenlaterne, nichts, was den Blick nach oben begrenzte.

 

Zwei ziemlich profane Sorgen: meine Füße und meine Haare

Was mich im Vorfeld besonders beschäftigt hatte, waren vor allem zwei Fragen. Die erste: Mit welchen Schuhen gehe ich? Ich habe am rechten Fuß ein Problem, das jederzeit eskalieren kann. Plötzlich schießt ein Schmerz durch den Fuß, bei dem ich gefühlt fast sterbe – und ich weiß nie genau, wann und mit welchen Schuhen es passiert. Die einzigen, mit denen ich dieses Problem noch nie hatte, sind spezielle Flipflops. 25 Kilometer am Tag durch die Wüste in Flipflops? Klang auch nicht unbedingt nach dem perfekten Plan.

 

Meine zweite Sorge war noch etwas profaner: Wie komme ich mit meinem kleinen Haarwasch-Tick klar? Ich wasche mir jeden Tag die Haare und bilde mir ein, mich anders nicht richtig wohlzufühlen. Und eines war vorher klar: In der Wüste würde es zehn Tage lang kein Waschwasser geben.

 

Nun ja, so viel vorab: Ich bin die kompletten zehn Tage in meinen Flipflops gelaufen – ohne Fußprobleme. Letztlich war ich sogar fast die Einzige ohne Blasen. Und meine Haare? Die haben mich irgendwann schlicht nicht mehr interessiert. Auch das Gesicht konnte man nicht mal eben morgens mit Wasser waschen. Feuchttücher wurden plötzlich zum Luxusartikel. Unser Trinkwasser aus Plastikflaschen war nach dem ersten Tag aufgebraucht. Danach kam es aus großen Kanistern, auf die tagsüber die Sonne prallte. Es schmeckte fürchterlich.

 

Vielleicht gehört aber auch genau das zu den Erfahrungen, die ich aus diesen zehn Tagen mitgenommen habe: wie schnell sich die Maßstäbe verschieben. Dinge, von denen ich vorher dachte, ich brauche sie unbedingt, verloren ihre Bedeutung. Andere wurden plötzlich kostbar. Wie ein Glas Tee.

 

Bitter wie der Tod, süß wie die Liebe

Dreimal am Tag gehörte die traditionelle Teezeremonie der Nouaji zu unserem Leben in der Wüste. Drei Gläser wurden nacheinander ausgeschenkt: Das erste stark und bitter – bitter wie der Tod. Das zweite süßer, aber noch mit einer Spur Bitterkeit – wie das Leben. Und das dritte weich und sehr süß – wie die Liebe. Tod. Leben. Liebe. Diese Zeremonie gab unseren Tagen einen Rhythmus, der nichts mit Uhrzeiten, Terminkalendern oder Push-Nachrichten zu tun hatte. Überhaupt war Zeit dort plötzlich etwas anderes.

 

Zehn Tage ohne Nachrichten von zu Hause

Ich hatte mein Handy dabei, um Fotos zu machen. Und theoretisch hätte ich sogar Empfang haben können. Auf manchen Dünen gab es Netz. Trotzdem telefonierte und textete ich zehn Tage lang mit niemandem zu Hause. Am Anfang war das eine bewusste Entscheidung. Irgendwann dachte ich überhaupt nicht mehr darüber nach. Ich wollte gar nicht wissen, was irgendwo anders gerade passierte. Die Welt, die sonst ständig durch dieses kleine Display zu mir kommt, war dort weit weg.

Es gab den jeweiligen Tag, die Menschen um mich herum, das Laufen, die Hitze gegen Mittag, die Kälte in der Nach, den Sand und den Tee. Dazu drei Mahlzeiten am Tag, die die Nouaji für uns zubereiteten. Wir liefen, aßen, redeten, ruhten uns aus und zogen weiter.

 

Als wir nach zehn Tagen wieder unsere Unterkunft am Rand der Wüste erreichten, passierte etwas, mit dem ich überhaupt nicht gerechnet hatte: Ich hatte regelrecht Berührungsängste davor, mein Telefon wieder einzuschalten.

Natürlich wollte ich wissen, wie es meinen Kindern und den Menschen zu Hause ging – und mich auch von meinem Abenteuer zurückmelden. Gleichzeitig wollte ein Teil von mir diese andere Welt noch ein bisschen festhalten. Ich hielt das Handy eine ganze Weile in der Hand und zögerte den Moment hinaus, in dem die andere Welt wieder hereinbrechen würde.

 

Begegnungen mit den Nouaji

Besonders wertvoll waren für mich die Gespräche mit den Nouaji, die uns begleiteten – gut, dass ich als Saarländerin einigermaßen anständig Französisch spreche. 😉 Ich wollte verstehen, wie sie leben, wie sie auf Gesundheit und Krankheit schauen und welche Rolle ihre traditionelle Heilkunde spielt. Mich interessierte ihr Wissen über Pflanzen und über Heilmethoden, die über Generationen weitergegeben wurden. Besonders spannend fand ich eine Behandlung, von der sie mir erzählten: Menschen mit Arthritis würden traditionell mit alter Schafs- oder Ziegenbutter eingerieben und anschließend bis zum Hals in den heißen Wüstensand eingegraben. Nach ihrer Vorstellung soll die Hitze dem Körper helfen und die Entzündung lindern. Auch über ihre Heilpflanzen erzählten sie mir viel und über das Leben in Zelten.

 

Romantisiere ich diesen Trip? Ich glaube nicht. Wüste, Weite und Sternenhimmel bedeuten nicht automatisch vollkommene Harmonie.

 

Auch in der Wüste nimmt man sich selbst mit

Wenn eine Gruppe von Menschen über Tage gemeinsam rund 25 Kilometer läuft, auch durch Sandstürme, wenig Komfort hat und müde wird, kommen irgendwann auch die eigenen Muster zum Vorschein. Es gab schwierige Momente und Auseinandersetzungen. Und gelegentlich waren unsere Worte alles andere als gewaltfrei. 😉

 

Gerade deshalb waren die täglichen kurzen Übungen in Gewaltfreier Kommunikation so wohltuend: Was ist gerade tatsächlich passiert? Was davon ist meine Interpretation? Was brauche ich? Was braucht mein Gegenüber? Und wie können wir wieder miteinander sprechen, wenn wir uns gerade gründlich missverstanden oder verletzt haben?

 

Wir haben unsere Konflikte geklärt. Und für mich war auch das ein wichtiger Teil dieser Reise. Persönliche Entwicklung findet eben nicht nur in den friedlichen Momenten statt. Manchmal zeigt sich erst unter ungewohnten Bedingungen, welche Knöpfe andere Menschen bei uns drücken – und was wir daraus machen.

 

Wasser!

Am Ende wartete noch ein Erlebnis, das ich vermutlich nie vergessen werde. Nach zehn Tagen ohne Waschwasser kamen wir zurück an den Rand der Wüste. Dort gingen wir ins Hammam und wurden von einheimischen Frauen gewaschen. Nach all dem Sand, Schweiß und Staub fühlte sich Wasser plötzlich vollkommen anders an. Was für uns normalerweise selbstverständlich ist – einen Wasserhahn aufzudrehen, sich die Haare zu waschen, unter warmem Wasser zu stehen –, war auf einmal purer Luxus.

 

Zehn Tage lang hatte ich keinen Spiegel gebraucht, kein Shampoo, kein Internet und keine Nachrichten. Ich hatte Wasser getrunken, das mir nicht schmeckte. Ich war jeden Tag viele Kilometer gelaufen. Ich hatte unter einem Himmel geschlafen, für den ich mir vorher sogar die Augen hatte operieren lassen. Ich hatte Menschen kennengelernt, deren Lebenswelt von meiner kaum weiter entfernt sein könnte. Wir hatten gelacht, gestritten, geredet und uns wieder zusammengerauft.

 

„Atay, Atay, Atay.“

Und dann ist da noch eine Erinnerung, die bis heute geblieben ist: „Atay, Atay, Atay.“ So rief uns der älteste Nomade morgens, kurz vor Sonnenaufgang. Er war für die drei täglichen Teezeremonien zuständig. Wir schlüpften aus unseren Schlafsäcken und kamen ins Lager, während über der Wüste langsam der neue Tag begann.

 

Dann schenkte er den Tee aus.

Drei Runden, dreimal am Tag.

Das erste Glas: bitter wie der Tod.

Das zweite: süß wie das Leben.

Das dritte: zuckersüß wie die Liebe.

 

Vielleicht ist das die Erinnerung, die mir von diesen zehn Tagen am stärksten geblieben ist: Man braucht erstaunlich wenig, damit ein Tag reich sein kann.

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